
Am 16. November 2019 stand für Malte und mich unser Debüt in der 2. Handball-Bundesliga der Männer an. Ich weiß das Datum noch ganz genau. Ich erinnere mich an das Datum und auch an das Spiel selbst viel besser als an unsere Premiere in der 1. Bundesliga – und das, obwohl es einige Jahre früher stattgefunden hat.
Malte und ich waren damals beide erst 23 Jahre alt und durften die Partie zwischen dem EHV Aue und dem HSV Hamburg leiten. Wir wohnten damals schon in Nordrhein-Westfalen, von dort war es eine Autofahrt von rund fünf Stunden bis nach Aue. Das Spiel war am späten Nachmittag und wir mussten den Einsatz aus privaten Gründen ohne Übernachtung machen. Sprich: Wir sind fünf Stunden hingefahren, haben das Spiel gepfiffen und sind fünf Stunden wieder zurückgefahren. Um acht Uhr morgens ging es los, um drei Uhr nachts waren wir wieder zu Hause. 19 Stunden waren wir unterwegs: Das ist der erste Punkt, der das Spiel besonders gemacht hat.
Zweitens war es natürlich eine Premiere. Das erste Spiel in einer neuen Liga ist einfach ein besonderer Moment und ich erinnere mich noch, dass die Anspannung deutlich höher war als in den Monaten und Jahren davor. Natürlich ist vor jedem Einsatz eine gewisse Grundnervosität bzw. Grundspannung vorhanden, das gehört dazu und trägt zur Konzentration bei.

Als wir damals jedoch in Aue ankamen, waren wir eben einen Tick angespannter als sonst. An der Erzgebirgshalle gibt es einen reservierten Stellplatz für die Schiedsrichter. Wir sind also zum Parkplatz, haben das Fenster heruntergelassen und uns dem Parkplatzwächter vorgestellt. Der hat uns im breitesten Sächsisch mit der Frage begrüßt: „Ihr seid Schiedsrichter? Wir wollen hier keine Schiedsrichter.“
Er hat das mit einem Augenzwinkern gesagt, das war eben seine Art. „Ihr wisst ja gar nicht, was ist hier los ist, wenn ihr Mist baut“, hat er uns noch mitgegeben, als er uns den Parkplatz direkt am Sportlereingang gezeigt hat. Heute würden wir über so eine Begrüßung einfach schmunzeln oder einen lockeren Spruch zurückkloppen, aber in unserer damaligen Anspannung waren diese Worte nicht hilfreich. Inzwischen lachen wir darüber, doch vergessen haben wir diesen Empfang nie.
Und der dritte Grund, warum das Spiel so besonders war: Wir haben ein ganz neues Level der Professionalität erlebt. Wir haben vorher im Landesverband, in der Jugendbundesliga und der 3. Liga gepfiffen, aber der EHV Aue als damals etablierter Zweitligist und Traditionsverein war einfach ein anderes Kaliber. Und mit dem HSV war natürlich auch noch ein großer Name als Gast angereist. Das ganze Drumherum und die laute Erzgebirgshalle haben uns sehr beeindruckt. Ich weiß noch, dass wir gefragt wurden, wie wir unsere „Fettbemme“ wollen. Das ist ein Schmalzbrot, eine sächsische Spezialität, welche den Schiedsrichtern als Snack zur Verfügung gestellt wird.

Das Spiel selbst lief 58 Minuten lang sehr gut für uns. Wir hatten von Beginn an trotz der neuen Liga eine gute Akzeptanz und haben auch eine Rudelbildung, die nach einer Zeitstrafe gegen einen gewissen Leif Tissier entstand, schnell in den Griff bekommen. In Debütspielen, das haben wir in den Vorjahren festgestellt, stehen wir so unter Strom, dass wir einfach dazwischengehen, ohne Zweifel zu haben. „Selbstverteidigungsmodus“ hat das ein erfahrener Bundesliga-Schiedsrichter mal genannt; du reagierst einfach, um nicht überrannt zu werden.
Das ging wie gesagt 58 Minuten gut – und dann geben wir kurz vor Schluss ein falsches Stürmerfoul gegen Hamburg. Hätten wir so eine Situation jetzt, würden wir nie im Leben pfeifen, damals haben wir den Pfiff (Stichwort Selbstverteidigungsmodus) einfach rausgehauen. Hamburg hat am Ende mit einem Tor verloren. Torsten Jansen, der damals schon HSV-Trainer war, kam danach in unsere Kabine und hat uns sehr gelobt – und uns dann sinngemäß gefragt wie wir bei so einer guten Leistung so eine dumme Entscheidung in so einer knappen Situation treffen können. Das war eine sehr berechtigte Frage.
Die fünfstündige Rückfahrt haben wir daher mit einer Mischung aus Stolz und Zufriedenheit über unsere Leistung sowie das Lob von Jansen und Bitterkeit wegen dieser letzten Entscheidung angetreten. Alles in allem war es aus diesen ganz verschiedenen Gründen ein denkwürdiger Einsatz, den wir bis heute nicht vergessen haben.
Fotos: Marco Wolf


