Die erste Ansetzung für den Deutschen Handballbund ist für junge Schiedsrichter*innen immer ein Meilenstein. So, wie talentierte Spieler von dem ersten Einsatz in der 1. Mannschaft ihres Vereins träumen, wollen talentierte Unparteiische sich im Deutschen Handballbund beweisen. Nur, wer bei den Sichtungsturnieren überzeugt, wird in den Perspektivkader des Dachverbandes aufgenommen und kommt regelmäßig in der höchsten deutschen Jugendspielklasse zum Einsatz. Es ist der erste Schritt auf dem Weg nach ganz oben in die Bundesliga.
Für Robert Mischock und Christopher Riebesam ist die Erinnerung an die erste Ansetzung für den Deutschen Handballbund jedoch bittersüß. Zwar ging es für die beiden Kindheitsfreunde 2020 endlich zum ersten Mal zu einem Spiel in der Jugendbundesliga der männlichen A-Jugend, doch im Zuge der Pandemie fand die Partie zwischen der NSG EHV/Nickelhütte Aue und der HSG Hanau als Geisterspiel statt. „Zuschauerzahl: 0“, wurde im Spielprotokoll vermerkt. „Furchtbar“ sei die leere Halle gewesen, erinnert sich Riebesam. „Es fühlte sich an wie ein Trainingsspiel“, sagt Mischock. „Es war natürlich trotzdem aufregend, aber es war nicht das, was wir uns erhofft hatten.“

Nichtsdestotrotz war es ein erster Meilenstein in ihrer damals noch jungen Schiedsrichterlaufbahn. Die beiden heute 25-Jährigen standen seit jüngster Kindheit selbst auf dem Handballfeld und spielten gemeinsam für ihren Heimatverein in Görlitz. Kreisläufer Riebesam bekam dabei die Pässe von Rückraumspieler Mischock. „Wenn sie denn mal angekommen sind“, flachst Riebesam, der aber neidlos eingesteht: „Robert war der deutlich bessere Handballer von uns.“
2014 wurde in ihrem Heimatverein eine Schiedsrichterausbildung angeboten – und gerade Riebesam, der bereits im Training gerne die Pfeife vom Trainer übernahm, war Feuer und Flamme und schleppte seinen Freund mit. „Robert musste noch ein bisschen angezündet werden“, lacht er. Mit Erfolg: Nach den ersten Jugendspielen in der eigenen Halle wurde das Pfeifen schnell zum festen Bestandteil des Wochenendes. Einen Tag spielen, einen Tag pfeifen: Mischock und Riebesam verbrachten viel Zeit in der Halle.
Fünf Jahre später wurden sie beim renommierten Osterturnier in Biberach gesichtet und gehören seit 2020 zum Perspektivkader des Deutschen Handballbundes. Dieser Schritt fiel damals nicht nur mit der Corona-Pandemie zusammen, sondern auch mit ihrem Abitur und dem Beginn eines neuen Lebensabschnitts: Mischock ging für sein Studium zur Polizei, Riebesam studierte Soziale Arbeit. Das eigene Spielen beendeten sie ebenfalls zu dieser Zeit. „Uns war das Verletzungsrisiko zu groß, wir wollten das Pfeifen nicht aufs Spiel setzen“, sagt Riebesam. Es war eine Entscheidung, die gerade Mischock schwerfiel, „aber ich hätte am Anfang nie gedacht, dass das Pfeifen so viel Spaß machen kann.“
Nach dem „kuriosen Start“ (Riebesam) vor leeren Rängen in der Jugendbundesliga haben Mischock/Riebesam den ein oder anderen positiv besetzten Meilenstein aufgestellt. 2023 erhielten sie das Finale im Sachsenpokal der Männer, das am Ende erst nach doppelter Verlängerung und Siebenmeterwerfen entschieden wurde. „Eine rappelvolle Halle, ein sehr knackiges Spiel, auf jeden Fall ein Highlight“, fasst Mischock rückblickend zusammen. „Wir sind mit einem positiven Gefühl raus und wussten: Diese Nominierung war eine ganz klare Auszeichnung und ein Signal unseres Verbandes, dass sie uns supporten.“
Die folgende Saison – ihre erste in der 3. Liga – hielt mit einem Ostseederby einen weiteren Höhepunkt bereit. „Rostock zelebriert seine Heimspiele und es hat uns unglaublich gepusht, in der dunklen Halle auf dem Spielfeld zu stehen und den Einlauf der Spieler in diese volle Halle zu erleben“, schwärmt Riebesam. „Das war vielleicht unser bestes Spiel bislang.“ Und auch die Deutschland-Cups der männlichen Jugend 2024 und 2025 in Kassel gehören für die beiden Freunde zu den Highlights. „Wir haben diese Erfahrung, dieses Teamfeeling unter den Schiedsrichtern, extrem genossen“, sagt Mischock.

Inzwischen pfeifen Mischock/Riebesam ihre sechste Saison in der Jugendbundesliga und gehören zu den alten Hasen im Perspektivkader. „Wir gehören zu den Älteren und es herrscht eine andere Erwartungshaltung“, weiß Riebesam. „Wir spüren den Druck und machen ihn uns auch selbst, denn jetzt ist der nächste Schritt dran.“
Der nächste Schritt: Das kann entweder der Weg in den regulären Kader der 3. Liga sein – oder die Nominierung für den Nachwuchskader des Deutschen Handballbundes. Es wäre die Expressschiene in den Bundesligabereich; am Nadelöhr der 3. Liga vorbei, in der über 60 Schiedsrichterteams pfeifen und in der Regel nur ein Gespann pro Jahr aufsteigt. „Das erklärte Ziel ist der Nachwuchskader und dafür wollen wir alles in die Waagschale werfen“, sagt Riebesam. „Handball ist – hinter der Familie und dem Job – unsere erste Priorität.“
Um sich zu empfehlen, arbeiten Mischock/Riebesam in dieser Saison nicht nur verstärkt an ihrer Performance auf dem Spielfeld, sondern haben auch an den Rahmenbedingungen geschraubt. „Wir konnten in den letzten Jahren nicht so viel pfeifen wie wir wollten, weil die Verfügbarkeit und Flexibilität jobbedingt nicht gegeben war“, erklärt Mischock. „Das war ein großes Problem, denn mit weniger Einsätzen bauen sich Routinen natürlich nicht so schnell auf.“
Das ist seit einem Jobwechsel in diesem Winter anders – und entsprechend zufrieden sind beide mit ihrer Entwicklung in den vergangenen Monaten. „Wir haben in der Persönlichkeitsentwicklung und bei gewissen Softskills große Fortschritte gemacht“, freut sich Riebesam. „Ich hoffe, der Knoten ist geplatzt.“
Unabhängig vom nächsten Meilenstein ihrer Laufbahn genießen Mischock/Riebesam die Erlebnisse, die ihnen das Pfeifen beschert. „Das ist mehr als nur ein Hobby. Es gehört zum Leben, es ein ein Teil davon“, sagt Mischock ernst. „Wir haben so viele Stunden miteinander verbracht, so viele Kilometer auf der Autobahn geschrubbt, so viele Gespräche geführt: Das möchte ich nicht missen und ich will, dass alles so bleibt.“
Auch Riebesam zweifelt trotz des großen Aufwands nicht daran, dass ihre Leidenschaft den Einsatz wert ist. „Andere müssen Urlaub nehmen, um Deutschland zu bereisen – wir können das mit dem Handball“, schmunzelt er. „Und abgesehen von unseren eigenen Zielen erweitert es den Horizont beruflich und privat. Und es macht einfach unglaublich viel Spaß.“
Fotos: Sebastian Heger / Timon Peters


