Der letzte Spieltag der Saison 2025/26 ist gespielt; ebenso wie für die Spieler:innen beginnt auch für die Unparteiischen nun die Sommerpause. Wie wichtig sind die saisonfreien Wochen auch für die Schiedsrichter:innen?
Die spielfreie Zeit tut allen Beteiligten extrem gut. Die Spieler können körperlich von der Belastung während der Saison regenerieren – und für Schiedsrichter sind diese Wochen gerade für den Kopf wichtig. Wir kommen aus dem Druck und den Stresssituationen raus, können durchatmen und neue Kraft tanken.
Wie intensiv erlebt ihr die letzten Wochen einer Spielzeit?
In der Endphase laufen natürlich nicht nur die Mannschaften, sondern auch wir noch einmal heiß. Die Entscheidungen wie Auf- und Abstieg werden final ausgespielt, es gibt das ein oder andere Endspiel. Entsprechend wichtig war es, trotz der langen Saison die letzten Aufgaben noch einmal hochkonzentriert und hochmotiviert zu erfüllen.
Ich freue mich, dass wir jetzt Zeit zum Durchatmen haben. Schiedsrichterei ist extrem viel Kopfarbeit und diese Wochen helfen mir, um mit neuer Energie und einem freien Kopf in die nächste Spielzeit zu gehen. Ich bewundere die Kollegen, die in dieser Phase im Beachhandball pfeifen oder auf den internationalen Nachwuchsturnieren im Einsatz sind. Mir persönlich tut die Pause immer sehr gut.

Die Handball-Fans sehen euch in der Regel ja ‚nur‘ die 60 Minuten auf dem Spielfeld, doch das ist ein Bruchteil der Zeit, die ihr in den Handball investiert. Was schätzt du, wie viele Stunden einer Woche steckt ihr in die Schiedsrichterei?
Das ist in Zahlen schwierig zu sagen, denn alleine das Handball gucken bei Dyn sind ja schon mehrere Stunden. Es gehört selbstverständlich zur Vorbereitung auf unsere Einsätze, dass wir viel Handball schauen, um immer auf dem Laufenden zu sein und zu verfolgen, wie die Mannschaften agieren. Hinzu kommen die sportliche Fitness, regelmäßige Calls mit dem Lehrstab, die Vor- und Nachbereitung unserer Einsätze, Coaching-Gespräche sowie die Organisation von An- und Abreise zu den Spielorten. Wir müssen immer gucken, wie sich die Anfahrtswege mit Beruf und Familie organisatorisch umsetzen lassen; es ist viel Koordination notwendig, damit wir ausgeruht zum Spiel kommen. Als nördlichster Erstliga-Schiedsrichter mit dem Nadelöhr Elbtunnel weiß ich, wie schwierig das manchmal ist (lacht).
Während sich die Spieler aus der 1. und 2. Bundesliga jedoch in den Sommerurlaub verabschieden, bedeutet Sommerpause für euch allerdings nicht automatisch Urlaub, denn ihr seid alle berufstätig…
Das stimmt, es ist eher eine Handballpause als eine Sommerpause. Wir versuchen aber natürlich alle, auch Urlaub zu machen und auch im Alltag so viel Zeit wie möglich mit unseren Familien zu verbringen. So richtig vom Handball abschalten können wir allerdings nur eine kurze Zeit, denn nach der Saison ist ja zugleich immer vor der Saison. Der Juni ist jetzt handball-frei, aber spätestens ab Anfang Juli liegt der Fokus wieder auf der neuen Saison.
Das bedeutet?
Es beginnt die Planung, welche Testspiele wir leiten und an welchen Turnieren wir teilnehmen und wir intensivieren unsere Trainingseinheiten, um die sportliche Grundlage für die Saison zu legen. Außerdem steht natürlich der Vorbereitungslehrgang mit den Leistungstests an. Wir müssen zwei Fitnesstests, einen Regeltest und einen Videotest erfolgreich absolvieren, um in der neuen Saison weiterhin in der Bundesliga eingesetzt werden zu können.
In diesem Jahr hielten die letzten Saisonwochen für deinen Teampartner Jannik und dich einen ungewöhnlichen Einsatz bereit: Ihr wart beim Rekordversuch für das längste Handballspiel der Welt im Einsatz und habt die letzten beiden Stunden des 72-stündigen Handball-Marathons gepfiffen. Aus der Bundesliga an die Basis: Wie habt ihr diesen Einsatz erlebt?
Natürlich war der Druck geringer, weil keine der beiden Mannschaften ein Ergebnis erzielen musste. Es ging nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um das Durchhalten. Das alleine war in der heißen Halle schon eine Challenge, die Spieler waren teilweise auch extrem kaputt, die Beine waren bei allen müde. Das kann mitunter dazu führen, dass das ein oder andere schwerwiegende Foul passiert – zum Glück ist aber nichts passiert.
Wir wollten aber natürlich performen, denn wenn wir unser Trikot überstreifen, repräsentieren wir das Schiedsrichterwesen des Deutschen Handballbundes. Da ist es für uns selbstverständlich, dass wir motiviert und konzentriert sind – und keine Aufgabe auf die leichte Schulter nehmen.

Wie haben die Spieler euch angenommen?
Ich habe gar nicht wahrgenommen, dass alle währenddessen gecheckt haben, dass jetzt Bundesliga-Schiedsrichter pfeifen (lacht). Es war sportlich und fair, ein extrem guter Umgang auf dem Feld; das war eine nette Abwechslung. Wir hatten keinen Druck.
Was war so für dich dein Highlight?
Ich fand es lustig, wieder Jugend zu pfeifen. Das waren ganz andere Schwerpunkte. Die Jungs haben teilweise extrem offensiv gedeckt, es gab viele Eins-gegen-Eins-Situationen und kaum Rückraumwürfe. Das war ungewohnt, denn der Bundesligahandball ist natürlich anders. Und es war schön zu sehen, dass die Spieler sich auf sich selbst konzentriert haben. Der Fokus lag auf dem Spiel, nicht auf den Schiedsrichtern. Es wurde einfach Handball gespielt.
Nach dem Abpfiff – und dem erfolgreichen Weltrekordversuch – gab es dann aber doch noch Autogramm- und Fotowünsche an euch. Wie ungewohnt ist es als Schiedsrichter, plötzlich in dieser Rolle zu sein?
Das ist natürlich ein schönes Gefühl, weil wir sonst eher versuchen, im Hintergrund zu bleiben. Die besten Einsätze sind Spiele, nach denen keiner über uns redet, sondern nur über die Leistung der Mannschaften gesprochen wird. Die Spieler sind die großen Vorbilder und die Aushängeschilder unserer Sportart, das ist wichtig und richtig. Wenn wir dann aber selbst auch mal um Unterschriften auf Schiedsrichter-Trikots oder Fotos gebeten werden, ist das eine schöne Wertschätzung für uns.

Es war ein Ausflug ‚Back to the roots‘ für euch; ihr seid wie all eure Kollegen selbst in den Vereinen an der Basis großgeworden. Wie sehr erdet so ein Einsatz mitunter?
Es ist wichtig, eine gewisse Demut zu wahren. So viele Schiedsrichter versuchen, es bis in die Bundesliga zu schaffen und scheitern an diesem Ziel aus beruflichen, familiären oder leistungstechnischen Gründen. Dass wir es bis in den Elitekader geschafft haben und aktuell zu den besten 16 Schiedsrichter-Teams im Deutschen Handballbund zu gehören, müssen wir uns immer wieder demütig vor Augen führen.
Dementsprechend ist es uns wichtig, etwas zurückzugeben, denn ohne Unterstützung hätte das niemand von uns geschafft. Umso wichtiger sind Aktionen wie ‚Breite trifft Spitze‘, besondere Einsätze wie beim Weltrekordversuch oder das Engagement im Landesverband oder im Heimatverein, das viele von uns neben der eigenen Schiedsrichterkarriere pflegen. Wir können damit den Schiedsrichterkollegen an der Basis in ihrer Entwicklung helfen, wir können sie motivieren und gerade den Nachwuchs für das Pfeifen begeistern. Wir haben alle irgendwann an der Basis angefangen und wissen genau, wie es ist, den nächsten Schritt gehen zu wollen und sich über jeden Input zu freuen.
Du hast eben schon gesagt: Die Spieler sind die Aushängeschilder; Jungen und Mädchen wollen ihren Stars nacheifern. Wie wichtig sind Vorbilder für junge Schiedsrichter?
Vorbilder haben eine extrem große Bedeutung. Ich glaube, man braucht Vorbilder, um Motivation und Ehrgeiz zu entwickeln. Wenn du als junger Schiedsrichter kein Ziel hast, wenn du nicht weißt, wo es irgendwann vielleicht hingehen kann, fehlt dir vielleicht der Grund, an dir zu arbeiten. In Sachen Auftreten und klare Zeichengebung waren eins meiner Vorbilder sicherlich Brodbeck/Reich (Hanspeter Brodbeck und Simon Reich leiteten 370 Spiele im Deutschen Handballbund und beendeten im Sommer 2025 ihre Karriere, Anm. d. Red.); ich habe mir bei ihnen gerne etwas abgeschaut.
Euer Schiedsrichter-Partner KÜS war bei dem Weltrekordversuch nicht nur auf euren Trikots präsent, sondern auch auf den Jerseys eurer Kolleg:innen aus dem Amateurbereich…
Das war natürlich toll, dass unser Partner auch die Unparteiischen beim Weltrekord unterstützt hat, denn ohne Schiedsrichter hätte nicht 72 Stunden gespielt werden können. Für uns als Schiedsrichter des Deutschen Handballbundes ist es extrem wichtig, einen starken Partner an der Seite zu haben, der sich so für uns engagiert – auch über das übliche Maß hinaus, wie sich beispielsweise bei einem Fahrsicherheitstraining zeigt, das KÜS für uns organisiert hat. Nur so können wir gemeinsam das Schiedsrichterwesen vorantreiben und zusammen besser werden.
„Zusammen besser werden“: Ein gutes Stichwort, um den Bogen zum Anfang zu schlagen. Auf dem von dir bereits erwähnten Vorbereitungslehrgang bereitet ihr euch gemeinsam als Schiedsrichter-Kader auf die neue Spielzeit vor. Worauf freust du dich?
Der Lehrgang ist wie ein Klassentreffen (lacht). Es ist schön, die Kollegen zu sehen, denn der Kontakt unter der Saison ist leider oft spärlich, was einfach der zeitlichen Kapazität geschuldet ist. Auf dem Lehrgang haben wir aber tatsächlich drei Tage Zeit, um uns auch abseits des Pfeifens auszutauschen und die gemeinsame Linie zu diskutieren. Das ist extrem wichtig, denn wir kommen nur weiter, wenn wir in den Austausch gehen.

Fotos: Sascha Klahn


