In meinen Worten: Robert Schulze und Tobias Tönnies über die Rolle des Schiedsrichters

Ob Titelkampf oder Kellerduell in der DAIKIN HBL, ob Spitzenspiel oder Abstiegsthriller in der Handball Bundesliga Frauen, ob ein Nachbarschaftsderby in der 3. Liga oder die Finalrunde der Deutschen Jugend-Meisterschaft: Seit 2020 können die Schiedsrichter*innen des Deutschen Handballbundes (DHB) bei ihren Einsätzen auf die Unterstützung der KÜS bauen. Die knapp 300 Unparteiischen eint die Leidenschaft für das Pfeifen, und doch bringt jeder seine eigenen Erfahrung, seine eigenen Antrieb, seine eigene Geschichte mit. In der Interviewserie „In meinen Worten“ widmen sich ein oder zwei Unparteiische einem speziellen Thema. In diesem Monat sprechen Robert Schulze und Tobias Tönnies über die Rolle des Schiedsrichters, geile Entscheidungen und unbequeme Reaktionen sowie den Umgang mit Emotionen …

Was war die beste Entscheidung eurer Karriere?

Tobias Tönnies:

Dass ich mich in der Schule neben Robert gesetzt habe (beide lachen) …

Auch, wenn ihr es damals noch nicht wusstest, war es der Beginn für eine der erfolgreichsten Schiedsrichter-Karrieren. Knapp 700 Spiele für den Deutschen Handballbund, Welt- und Europameisterschaften, Olympische Spiele. In dieser Zeit habt ihr auf dem Feld unzählige Entscheidungen getroffen, doch während Spieler ihre Tore bejubeln können, müssen sich Schiedsrichter zurückhalten. Inwiefern feiert man als Unparteiischer dennoch eine geile Entscheidung?

Robert Schulze:

Man ärgert sich über schlechte Entscheidungen, aber genauso muss man sich über gute Entscheidungen freuen und die auch gemeinsam feiern.

Tobias Tönnies:

Und tatsächlich machen wir das ziemlich oft (schmunzelt). Wir sagen uns dann: „Geile Entscheidung, das war genau der richtige Freiwurf.“ Oder: „Dieser Pfiff kam genau im richtigen Moment.“

Robert Schulze:

Manchmal geht es dabei auch um Nicht-Entscheidungen. Wenn du merkst, dass aus einem Vorteil ein mega-geiles Tor entsteht, freuen wir uns darüber genauso, als wenn wir einen guten Pfiff gemacht haben. Das macht Spaß.

Öffentlich werden dennoch die Spieler gefeiert, ihr als Schiedsrichter nicht. Es kommt keiner in die Halle, um euch zu sehen. Was macht das mit einem Menschen, wenn deine Rolle darin besteht, nicht aufzufallen?

Tobias Tönnies:

Es ist so, wie du es gerade sagst: Du hast als Schiedsrichter eine Rolle und dieser Rolle musst du dir stets bewusst sein. Du bist nie dazu da, um aufzufallen. Wenn du es tust, kann es zwar in beide Richtungen gehen, aber in der Regel geht es nicht in die gute Richtung. Du fällst auf, weil du mit deiner Entscheidung Spieler, Trainer oder Publikum gegen dich aufbringst. Das kann passieren. Zu der Rolle als Schiedsrichter gehört es, sich klar zu machen: Du musst das Spiel dirigieren, du musst es leiten und am Ende kannst du dich selbst feiern, aber erwarte nie Applaus.

Habt ihr dennoch ein Beispiel für eine Entscheidung, wo die Halle auf einmal euch applaudiert haben?

Tobias Tönnies:

Ich werde es nie vergessen: Das Pokalfinale 2014, als die Füchse Berlin Pokalsieger geworden sind. Es war unser erstes Pokalfinale und es gab von Robert eine Zwei-Minuten-Strafe gegen Silvio Heinevetter. Und auf einmal hast du gemerkt, wie die ganze Halle das gefeiert hat.

Robert Schulze:

Es gab an diesem Tag eine Vorgeschichte auf dem Spielfeld dazu, aber das war sogar den Füchse-Fans in dem Moment zu viel. Man könnte sagen: Er hat in dem Finale alles für seine Mannschaft gegeben (schmunzelt). Und am Ende sind sie dann trotzdem Pokalsieger geworden.

Bei Spielern habt ihr die Möglichkeit, über die Karten und die Zeitstrafe progressiv einzugreifen. Bei Fans, die sich in der Halle oder im Internet äußern, habt ihr das nicht. Wie erlebt ihr mit Blick auf die letzten Jahre den Umgang mit Schiedsrichtern?

Robert Schulze:

Man merkt in der Entwicklung, dass der Handball medial immer mehr Präsenz bekommt, bei Dyn und auf internationalen Plattformen. Das ist eine sehr positive Entwicklung für den Sport. Als Schiedsrichter haben wir in diesem Sport die Rolle, Entscheidungen zu treffen – in die eine oder andere Richtung – und es wird immer Befürworter geben und welche, die es anders sehen. Der Schlüssel ist, dass man sachlich miteinander kommuniziert und mit Spielern und Trainern gelingt das in den Bundesligen fast immer. Zuschauer sind natürlich emotional, aber dennoch gehört es sich, Distanz und Respekt an den Tag zu legen und darauf sollten wir uns alle immer wieder berufen.

Distanz und Respekt fehlen gerade online – und besonders in den sozialen Netzwerken – jedoch zunehmend …

Robert Schulze:

Social Media gehört zum Schiedsrichterwesen, aber man sollte darauf achten, seine Freundeslisten und Einstellungen gut auszuwählen. Man bekommt viele Nachrichten von fremden Leuten, meistens ohne Profilbild und seltsamen „Namen“. Das gehört dazu, aber als Schiedsrichter muss ich davon ein Stück weit Abstand nehmen. Und generell können wir im Handball trotz aller Unzufriedenheit und Themen, die immer mal wieder vorkommen, im Vergleich zu anderen Sportarten stolz sein auf den Umgang.

Wie lange habt ihr gebraucht, bis ihr Abstand nehmen konntet? Gerade am Anfang der Karriere fällt es oft schwer, damit umzugehen, was auf einen einprasselt; viele Neulinge hören auch deshalb im ersten Jahr direkt wieder auf.

Tobias Tönnies:

Es ist eine Frage, wie man damit umgeht. Aus meiner Erfahrung: Ich lese mir keine Kommentare durch und ich gucke mir nichts in irgendwelchen Foren an. Wenn man anfängt, das zu reduzieren oder gar nicht erst zu lesen, ist einem schon viel geholfen. Wenn ich hingegen 100 Nachrichten lese, wie scheiße ich war, ist es klar, dass das keine Glücksgefühle auslöst.

Robert Schulze:

Dann glaubt man es irgendwann und legt die Pfeife wieder zur Seite.

Tobias Tönnies:

So ist es. Jeder muss natürlich seinen eigenen Weg finden, damit umzugehen. Wer sich das antun möchte, um auf dem Laufenden zu sein, soll alles lesen, aber wir können das nicht empfehlen. Es hilft nicht nur nicht dabei, ein besserer Schiedsrichter zu werden, sondern es ist einfach persönlich eine Belastung.

Es geht bei Beleidigungen und unsachlichen Kommentaren zwar um die Rolle des Schiedsrichters und nicht um einen selbst, aber es ist dennoch der eigene Name, der angegriffen wird. Damit müssen man selbst sowie die Familie und Freunde erst einmal klarkommen.

Robert Schulze:

Wir kommen immer wieder auf die Rolle des Schiedsrichters zurück. Wir haben die Aufgabe, für Fairplay auf dem Feld zu sorgen, aber können es in dieser Rolle nicht jedem Recht machen. Das, was Tobias erwähnte, ist gerade für die jungen Schiedsrichter ganz, ganz wichtig: Als Schiedsrichter darf ich nicht das positive Feedback von irgendwem suchen. Dieselben Leute, die euch heute loben, können die sein, die euch eine Woche später beschimpfen. Kurz gesagt: Externe Dinge kann man nicht beeinflussen, aber man kann für sich einen Weg finden, wie man damit umgehen möchte. Das ist ein Schlüssel, damit du nachhaltig Spaß an der Sache hast – auch, wenn es zwischendurch ekelhaften Gegenwind gibt.

Um bei eurem eben genannten Beispiel zu bleiben: Ihr habt die Zeitstrafe gegen Silvio Heinevetter nicht für Applaus der Halle ausgesprochen, sondern weil …

Robert Schulze:

Ich musste in dem Moment das Versprechen einlösen, was wir vorher „gegeben“ haben. Es gab eine Vorgeschichte, er hat uns nach einer Entscheidung bereits – ich nenne es mal – bedrängt und wir haben ihm deutlich gemacht, dass wir das nicht zulassen. Wenn dann keine Verhaltensänderung eintritt, müssen wir konsequent sein, weil wir sonst unglaubwürdig werden. Spielern wollen klare Leitplanken links und rechts, sie wollen Berechenbarkeit und dementsprechend müssen wir zu unserem Wort stehen. Das ist manchmal bequemer und manchmal unbequem, aber das darf kein Kriterium sein, ob wir eine Entscheidung treffen oder nicht.

Was hat sich bewährt, um mit den Meinungen, der Kritik, den Beleidigungen von Außen umzugehen? Was würdet ihr empfehlen?

Tobias Tönnies:

Es ist als Schiedsrichter wichtig, zuallererst an seine eigenen Stärken zu glauben. Alles, was von außen auf einen Schiedsrichter einprasselt, sind subjektive Meinungen. Wenn ein Pfiff herausrutscht, der nicht gut war, wissen die Schiedsrichter das immer zuerst, sofort! Zuschauer, Spieler und Trainer teilen einem das dann noch mit, aber mit ein bisschen Erfahrung weißt du es als Erster. Entsprechend ist der Knackpunkt, an die eigenen Stärken zu glauben. Wir können die externen Einflüsse nicht abschalten, aber wenn wir auf uns selbst vertrauen, wenn wir an uns selbst glauben, können wir damit umgehen.

Das sagt sich mit eurem Standing und eurer Erfahrung so leicht. Für eure Kollegen an der Basis oder gerade Neulinge ist das vermutlich nicht so einfach, wie es klingt, oder? 


Tobias Tönnies:

Definitiv nicht. Wir haben das Glück, dass wir für tausenden Zuschauern pfeifen und gar nicht mitbekommen, was im Einzelfall gesagt wird. An der Basis hörst du jedes Wort, das Eltern und Zuschauer von sich geben, das ist so weit unter der Gürtellinie. Ich sitze bei Jugendspielen meines Sohnes manchmal mit auf der Bank und ich bekomme hautnah mit – wie es bei uns früher auch war -, was dort von außen auf die oft jungen Kollegen einprasselt. Das ist nicht Ohne! Im Anschluss gehe ich oft zu den Schiedsrichtern und sage ihnen: „Lasst euch davon nicht unterkriegen oder beeinflussen. Das passiert leider, es hilft nichts und ihr müsst dadurch. Das haben wir auch erlebt, aber ihr werdet diese Menschen nicht ändern können.“

Ist die Fähigkeit, mit diesem Druck von Außen umzugehen, entscheidend für einen guten Schiedsrichter?

Robert Schulze:

Einer unser Mentaltrainer hat es gut formuliert: Die Hauptaufgabe als Schiedsrichter muss es sein, eine kontrollierte Emotion auf dem Feld zu haben, denn nur so können wir  vernünftige Entscheidungen treffen. Das Händeln der beherrschten oder unbeherrschten Reaktionen der anderen Beteiligten ist dort inklusive. Gute Schiedsrichter akzeptieren, dass in einem Spiel unkontrollierte Emotionen auftreten und ihre Hauptaufgabe das Management von gewissen Konflikten ist. Und seien wir ehrlich: Wenn alle auf dem Feld kontrolliert wären, würde niemand in die Halle gehen, um sich das Spiel anzuschauen (lacht).

Tobias Tönnies:

Man sagt ja nicht umsonst: Zum Handball gehören Emotionen. Diese Emotionen sollten auch nie verloren gehen, die können alle bleiben, bis in die Unendlichkeit. Wenn jemand jedoch emotional ist, ist es schwer, ihn zu bremsen, das liegt oft nicht in unserer Hand.

In wessen Hand liegt es dann?

Tobias Tönnies:

Das Umfeld könnte aus meiner Sicht besser einwirken, es ist eine Selbsterziehung. Wenn ein Zuschauer von der Tribüne den jungen Schiedsrichter beleidigt, aber niemand reagiert oder den Mund aufmacht, wird es immer weitergehen. Wenn sich dort jedoch eine gewisse Courage entwickeln würde, dann hätten wir einen ersten Schritt. Dass wir es nie verhindern können, wissen wir alle.

Robert Schulze:

Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute auf der Tribüne einfach ihrer Unzufriedenheit freien Lauf lassen wollen – und zwar egal, warum. Ein junger Schiedsrichter hat noch keine Ahnung, ein ältere Schiedsrichter ist zu alt und sollte am besten aufhören: Eine Begründung kann man für alles finden. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Kein Spieler wirft mit Absicht neben das Tor und genauso wenig trifft ein Schiedsrichter mit Absicht eine falsche Entscheidung. Und der Außenstehende sollte auch bedenken, dass die falsche Entscheidung vielleicht nur aus seiner Perspektive so definiert ist…

Das ist eine sehr rationale Herangehensweise an ein emotionales Problem …

Robert Schulze:

Es ist ein kotrolliertes Herangehen (lacht). Wenn wir als Schiedsrichter unsere Emotionen im Griff haben, schafft es Ruhe und vermittelt Souveränität, um Situationen und Konflikte zu lösen – gemeinsam mit Spielern und Trainern und unabhängig von den Zuschauern.

Tobias Tönnies:

Letztendlich müssen wir uns fragen: Wie wollen wir miteinander umgehen? Wir sind alle nur Menschen und haben alle wegen des Handballs angefangen. Es gibt mal bessere und mal schlechtere Tage, von Schiedsrichtern, Trainern und Spielern und das gehört ebenso dazu wie Emotionen. Kontrollierte Emotionen sind sicherlich wünschenswert, aber nicht immer möglich.

Lasst uns zum Abschluss noch einmal den Bogen zum Anfang schlagen. In der ersten Frage ging es um eure beste Entscheidung. War war die schlechteste Entscheidung?

Robert Schulze:

Das darfst du nicht uns fragen, sondern musst die Frage denjenigen stellen, die sich durch uns benachteiligt fühlen … 

Tobias Tönnies:

Ich sage: Diese Frage kann man nicht beantworten. Es ist unmöglich, denn diese eine Szene hast du nie im Kopf. Ein Schiedsrichter trifft in einem Spiel – dazu gibt es Statistiken – im Schnitt 400 Entscheidungen, inklusive Nicht-Entscheidungen. Wir haben, was sagtest du, knapp 700 Spiele auf DHB-Ebene, das wären 280.000 Entscheidungen in unserer Karriere alleine in den Spielen für den Deutschen Handballbund. Da können wir nicht eine auswählen, no way!

Robert Schulze:

Das ist aber eigentlich eine gute Nachricht für jeden Schiedsrichter. Die miese Entscheidung, über die du nach dem Spiel lange grübelst, interessiert eine Woche später niemanden mehr (lacht).

Fotos: Marco Wolf

Weitere KÜS-News