Im Dezember 2015 waren Julian und ich beim Länderpokal – wie der heutige Deutschland-Cup damals noch hieß – in unserer Heimatstadt Berlin im Einsatz. Am letzten Tag erhielten wir das Spiel um Platz 3 der männlichen Jugend zwischen den Auswahlmannschaften von Westfalen und Schleswig-Holstein. Es war die höchstmögliche Ansetzung, denn im Finale stand der HV Berlin und damit kamen wir als Berliner Schiedsrichter für das Endspiel natürlich nicht in Frage.
Ich erinnere mich an das Spiel um die Bronzemedaille heute kaum noch, nicht einmal den Sieger könnte ich nennen. Dennoch war dieses Spiel der ‚Dosenöffner‘ für alles, was wir seitdem als Schiedsrichter im Deutschen Handballbund erleben dürfen.

Damals gab es nämlich noch keinen deutschlandweiten Perspektivkader, dessen Schiedsrichter:innen in der Jugendbundesliga vom Deutschen Handballbund gezielt ausgebildet und gefördert werden. Damals haben wir einfach vom Landesverband neben den Spielen in der Landesliga oder Oberliga auch die Ansetzungen für die Jugendbundesliga erhalten. Auf dem einen Ärmel des Trikots war das Logo vom Landesverband, auf dem anderen Ärmel das Logo der Jugendbundesliga.
Als Julian und ich also zum Länderpokal geschickt wurden – wir waren damals 19 und 21 Jahre alt -, hatten wir in der Saison nur eine Beobachtung in der Jugendbundesliga gehabt. Wir konnten alles überhaupt nicht einordnen und sind ohne jede Erwartung beim Länderpokal aufgeschlagen. Wir haben ganz ordentlich gepfiffen und uns einfach über das Erlebnis gefreut. An einem Abend gab es, daran erinnere ich mich noch, einen Vortrag von Lars Geipel und Marcus Helbig, die damals das deutsche Top-Gespann gebildet haben.

Bei unserem Spiel um den 3. Platz saß dann aber plötzlich Peter Rauchfuß auf der Tribüne, der damalige Schiedsrichterwart des Deutschen Handballbundes. Nach dem Abpfiff ging es für uns zum ‚Rapport‘ bei ihm. Das Bild, wie wir im großen Sportforum in Berlin bei ihm auf der Tribüne sitzen, habe ich heute noch im Kopf.
Peter hat in dem Gespräch viel erzählt, er hat uns zum Sparkassen-Cup nach Merzig eingeladen – und uns gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, im Nachwuchskader des Deutschen Handballbundes zu pfeifen. Ein anderes Team hatte aufgehört und so war zur Rückserie ein Platz frei, den er uns in diesem Moment angeboten hat.

Für uns war das, als ob Weihnachten, Ostern und unsere Geburtstage auf einen Tag fallen. Wir waren damals noch jung und hatten keine Ahnung, welche Möglichkeiten es gibt. Unser großes Ziel war es, an einer Sichtung in Bieberach oder Menden teilnehmen zu dürfen, wo junge Schiedsrichter damals für den Deutschen Handballbund gesichtet wurden – und ganz vielleicht irgendwann ein Spiel mit Headset zu pfeifen wie „die ganz Großen“.
Ohne jede Vorwarnung wurde uns auf einmal die nächsthöhere Stufe auf einem Silbertablett angeboten. Wir haben natürlich sofort zugesagt, über so ein Angebot musst du ja nicht lange nachdenken. Wenige Tage später, direkt nach Weihnachten, ging es direkt zum internationalen Turnier nach Merzig – und im Januar haben wir unsere ersten Partien in der 2. Bundesliga der Frauen und 3. Liga der Männer gepfiffen. Auf unser eigentliches Ziel mussten wir lustigerweise noch länger warten, denn Headsets gab es damals erst ab dem Bundesligakader. Wir haben selbst unsere ersten Spiele in der 2. Bundesliga der Männer noch ohne Headset gepfiffen; das wäre heute unvorstellbar.

Vom Länderpokal in den Nachwuchskader: Wenn wir das Spiel um den 3. Platz damals verhauen hätten, wenn wir Peter Rauchfuß in diesem Spiel nicht überzeugt hätten, dann hätten wir den Platz im Nachwuchskader nicht bekommen. Es ist ein perfektes Beispiel für den oft gesagten Satz: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Und wer weiß, ob wir es auf anderem Weg bis in die Bundesliga geschafft hätten. Insofern war dieses Spiel buchstäblich ein Dosenöffner – und das macht es für uns so besonders.
Fotos: Andreas Huss


