Die nächste Generation: Noah Fikus / Pit Hegebart

Ob Titelkampf oder Kellerduell in der DAIKIN HBL, ob Spitzenspiel oder Abstiegsthriller in der Handball Bundesliga Frauen, ob ein Nachbarschaftsderby in der 3. Liga oder die Finalrunde der Deutschen Jugend-Meisterschaft: Seit 2020 können die Schiedsrichter*innen des Deutschen Handballbundes (DHB) bei ihren Einsätzen auf die Unterstützung der KÜS bauen. Jede*r von ihnen hat in seiner Karriere bereits zahlreiche Spiele geleitet, doch jeder der knapp 300 Unparteiischen des Deutschen Handballbundes hat den einen Einsatz, den er oder sie nie vergessen wird. Dies ist die Geschichte vom besonderen Spiel von Niels Wienrich, der zusammen mit Julian Fedtke dem Bundesligakader des Deutschen Handballbundes angehört.

In den ersten Wochen, in denen Noah Fikus und Pit Hegebart im Winter 2024/2025 gemeinsam unterwegs waren, mussten die beiden Hessen in vielen Hallen immer wieder die gleiche Frage beantworten: Warum, wollten die Vereine wissen, kommt heute ein gemischtes Gespann? „Wir wurden immer wieder verwundert angeguckt“, erinnert sich Fikus. „Viele Vereine haben gesagt: Euch gibt es doch sonst in anderer Konstellation, was macht ihr den jetzt zusammen hier?“

In der Tat waren sowohl Fikus als auch Hegebart in den Vorjahren mit einem anderen Gespannpartner bis in den Perspektivkader plus aufgestiegen. Die Teams aus dem „PK plus“, wie er abgekürzt genannt wird, kommen nicht nur in der Jugendbundesliga für den Deutschen Handballbund zum Einsatz, sondern auch bereits in der 3. Liga der Männer und Frauen. Im Herbst 2024 brach das Gespann zunächst bei Fikus auseinander; Schichtarbeit, Familiengründung und Pfeifen war zu viel. „Wir mussten also auf Brautschau gehen“, flachst der 26-Jährige rückblickend.

Dass ein Gespannpartner kürzer treten muss und die Anforderungen für das Pfeifen auf immer höheren Niveau nicht mehr stemmen kann, kommt im Schiedsrichterwesen regelmäßig vor. Manchmal verliert der Verband dann zwei Referees auf einmal, wenn sich kein neuer passender Partner finden lässt. Fikus und Hegebart hatten Glück: Beide sind in einem ähnlichen Alter, kommen aus der gleichen Region und kannten sich von regionalen Lehrgängen.

Noah Fikus

Sowohl Fikus als auch der anderthalb Jahre ältere Hegebart begannen mit ihrer Schiedsrichter-Laufbahn als Jugendliche und pfiffen bereits jeweils mit zwei anderen Partnern zusammen. Schwierigkeiten, sich aneinander zu gewöhnen, hatten sie indes nicht. „Zwischen uns passt es, weil wir beide gleich handballverrückt sind“, beschreibt Hegebart. „Wenn der Anruf kommt, sind wir weg. Wir können aufeinander bauen und haben uns vom ersten Spiel an blind vertraut.“

Um es als Schiedsrichter in die Bundesliga zu schaffen, braucht es neben dem Talent an der Pfeife auch den Willen und die Bereitschaft, dem Pfeifen eine hohe Priorität einzuräumen. Fikus und Hegebart sind sich in diesem Punkt einig und können sich auf die Rückendeckung ihrer Freundinnen und ihrer Familien verlassen. „Wir sind die, die immer können und wollen“, fasst Fikus kurz und knapp zusammen. Über einen gemeinsamen Kalender verwalten sie ihre Termine, sowohl beruflich als auch privat. „Wenn der Anruf kommt, ob wir kurzfristig ein Spiel übernehmen können, kann der andere sofort sehen, ob der Partner auch frei hat“, sagt Fikus.

Der erste Eintrag im gemeinsamen Kalender ist auf den 30. November 2024 datiert: Eine Ansetzung in der Oberliga der Männer. Am 11. Januar 2025 folgte der erste Einsatz in der Jugendbundesliga der männlichen A-Jugend. Einen Dämpfer brachte der Partnerwechsel allerdings mit sich: Sie verloren den „PK Plus“-Status und kamen zunächst nicht mehr in der 3. Liga zum Einsatz. „Das war im ersten Moment ein Rückschlag, aber wir konnten es verstehen“, sagt Hegebart. „Wir mussten uns ja erst einmal finden. Wir haben in den ersten Monaten extrem viele Spiele gepfiffen, auch in der Qualifikation zur Jugendbundesliga, und das hat uns viel gebracht.“


Das sahen auch die Verantwortlichen so und stuften Fikus/Hegebart im Sommer 2025 wieder im „PK plus“ ein. Von September bis April absolvierte das Duo 44 Einsätze für den Deutschen Handballbund – eine hohe Quote, die nur mit wiederholt zwei Spielen am Wochenende zu schaffen ist. „Pit hat bei jeder Fahrt immer alles Wichtige doppelt in der Tasche, falls spontan noch eine Ansetzung reinkommt“, scherzt Fikus.

Pit Hegebart

Zu den regulären 44 Ligaspielen kamen die Nominierung für den Deutschland-Cup der Jungen sowie der renommierte internationale Sparkassen-Cup in Merzig zwischen den Feiertagen am Jahresende hinzu. „Ein Wochenende wie Ostern, wo keine Spiele waren, war seltsam“, schmunzelt Hegebart. „Es war schön, Zeit für Freunde und Familie zu haben, aber im ersten Moment haben wir uns schon gefragt: Was machen wir denn jetzt?“

Neben dem gemeinsamem Commitment, das Pfeifen zu priorisieren, passt es auch menschlich zwischen Fikus und Hegebart – sowohl auf als auch neben dem Feld. „Pit ist der Ruhepol, während ich aufpassen muss, nicht zu überpacen“, beschreibt Fikus. „Wir unterstützen uns, helfen uns gegenseitig hoch oder beruhigen einander“, sagt Hegebart.

Beiden ist das Pfeifen die Zeit, das Herzblut und die Nerven wert, die sie investieren. „Es ist unser Hobby, der Ausgleich zu Arbeit“, sagt Fikus, der bis vor Kurzem als Projektkoordinator gearbeitet hat und derzeit als Quereinsteiger ein Lehramtsstudium absolviert. „Und wir können so dem Handball helfen und etwas zurückgeben.“ Hegebart, der gelernter Schreiner ist, klingt ähnlich wie sein Gespannpartner, wenn er davon schwärmt, „ein Hobby zu haben, das uns so viel bedeutet.“

Er unterstreicht noch einen weiteren Punkt: Die Freundschaften, die durch die Schiedsrichterei entstehen. „Wir verbringen nicht nur miteinander viel Zeit, sondern haben auch viele Freunde gefunden“, sagt Hegebart. „Das lassen viele leider immer wieder außer Acht.“ Fikus stimmt zu. „Wir sind froh, dass heutzutage eine Telefonflatrate ganz normal ist“, lacht er. „Wenn wir im Auto sitzen, dauert es nicht lange bis das Telefon klingelt oder wir bei anderen durchrufen.

Die Belohnung für ihren Einsatz sind besondere Ansetzungen wie für das Pokalfinale der männlichen A-Jugend in Gummersbach vor wenigen Wochen oder das Drittligaspiel in Saarlouis, bei dem über 1.200 Zuschauer in der Halle waren. Von der Kulisse waren beide beeindruckt – und wollen das gerne öfter erleben. Sie wissen jedoch auch, dass noch ein langer Weg vor ihnen liegt.

„Wir haben am Anfang große Schritte gemacht, feilen jetzt an den Details und wollen die Basics weiter festigen“, beschreibt Fikus. „Wir wollen die letzten Prozente herauskitzeln und uns in den Ligen etablieren, aber müssen dabei aufpassen, dass wir uns nicht verlieren.“ Die größte Herausforderung dabei? „Wir wissen um das Risiko, dass wir zu viel auf einmal anpassen wollen“, sagt Hegebart. „Darauf achten wir. Das Schwierigste ist es, sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen.“

Um weiter aufzusteigen, ist das jedoch unbedingt notwendig – und aufsteigen wollen Fikus und Hegebart in ihrem „Hobby mit Leistungsanspruch“, wie sie es nennen, unbedingt. „Wir können es nicht erzwingen, aber wir wollen oben mit dabei sein“, sagt Fikus. „So hoch wie möglich kommen“, formuliert es Hegebart. Die nächste Stufe im Kadersystem des Deutschen Handballbundes wäre der Schritt in den Nachwuchskader. „Dafür müssen wir unsere Hausaufgaben machen“, weiß Hegebart.

Ob es dann in ein, zwei oder drei Jahren reicht, wird sich zeigen. Ihre Begeisterung für das Pfeifen trübt dieser Druck aber nicht. „Beim Deutschland-Cup hat uns ein junges Mädchen angesprochen, wie sie eigentlich Schiedsrichterin werden kann und bei einem anderen Spiel kam ein jugendlicher Wischer zu uns und fragte, ob er eine gelbe Karte haben können“, erzählt Fikus. „Junge Spielerinnen und Spieler für das Pfeifen begeistern und für sie eine Brücke ins Schiedsrichterwesen zu bauen, macht uns einfach Freude.“

Fotos: DHB

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